May

24

2017

De facto der dritte Dachverband

In der Romandie läuft die Coordination intercommunautaire contre l’antisemitsmue et la diffamation dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund den Rang ab – ein Treffen der Verbandsspitzen ist geplant.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) tut sich seit jeher schwer mit der Romandie und gilt vielen als deutschschweizerischer Verband. Faktisch ist er dies nicht, in der Realität allerdings schon. Das Büro residiert seit jeher in Zürich, in der Romandie hat der SIG keine Präsenz und wird von Gemeindemitgliedern wenig wahrgenommen. Französisch beherrscht in der Regel vor allem das externe Übersetzungsbüro. Innerhalb des SIG-Büros kommt man mündlich knapp über die Runden oder es muss auf die Mitglieder-Geschäftsleitung aus der Romandie zurückgriffen werden. Anders bei der Plattform der Jüdischen Liberalen Gemeinden der Schweiz (PLJS), die seit Mai zum zweiten Mal eine Co-Präsidentschaft aus der Romandie und der Deutschschweiz und damit eine bessere Verankerung in der Romandie- hat.

In der amtierenden SIG-Geschäftsleitung gibt es zwar mit Sabine Simkhovitch-Dreyufs, Francine Brunschwig und Evelyne Morali gleich drei Mitglieder aus der Romandie. Doch dies wird die jahrelange zu starke Absenz des SIG in der Romandie nur bedingt wettmachen können. Zwar hatte der SIG in der Vergangenheit mit Alfred Donath oder etwa Dario Akgönül-Arditi starke Exponenten. Doch die Romandie-Basis tickt anders und fordert anderes. In diese Lücke ist vor rund 20 Jahren die Coordination intercommunautaire contre l’antisémitsme et la diffamation (CICAD) gesprungen. Die Organisation ist aus einem Anliegen der Romandie-Gemeinden hervorgegangen. Sie forderten vom SIG im Bereich Antisemitismusbekämpfung und Präventionen in der Romandie mehr Aktivität. Die CICAD formierte sich und wuchs durch die Jahre zur aktiven und bestens vernetzten NGO, die den SIG im Tagesgeschäft längst überholt hat, wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus, Aufklärung oder Prävention geht. Der SIG allerdings unterstützt diese Arbeit seit Jahren und sieht sie durch die Partnerschaft mit der CICAD einvernehmlich gewährleistet, wie Sabine Simkhovitch-Dreyfus erläutert. Die SIG-Vizepräsidentin vertritt den Gemeindebund auch im Vorstand der CICAD, dem sie schon viele Jahre angehört.

Antisemitismus und Sicherheit

Die CICAD bezeichnet sich selbst als Föderation, in der Gemeinden, Organisationen und andere angeschlossen sind. Dazu gehören neben Gemeinden in den Kantonen Neuen-burg, Waadt und Freiburg auch Partnerschaften mit Organisationen wie Chabad Lubawitsch, Hekal Haness, Talmudschulen und andere. Geschäftsführer Johanne Gurfinkiel weist schmunzelnd darauf hin: «Auch die beiden Dachverbände SIG und die PLJS sind bei uns Mitglied.» Umgekehrt ist die CICAD aber nicht in den beiden anderen Dachverbänden vertreten, dafür wiederum Nicht-SIG-Gemeinden in der CICAD.

CICAD-Präsident Alain Levy sagt: «Unser Ziel ist der Kampf und Aufklärung gegen Antisemitismus. Nichts anderes.» Und dies tut die Organisation effizient mit vielen Programmen. Acht Angestellte, davon sechs Vollzeit-Angestellte, hat die Organisation, die in Genf residiert. Sie ist gut vernetzt und innerhalb der jüdischen Gemeinschaft erste Anlaufstelle, wenn es um Antisemitismus, Melden von Vorfällen oder um andere Anfragen geht. Seit einigen Jahren repräsentiert sie auch Sicherheitsbelange. Begonnen hat dies gemäss Geschäftsführer Johanne Gurfinkiel mit einer Expertise über die Sicherheitsbeurteilung der jüdischen Institutionen in der Romandie. Diese wurde den Behörden übergeben und schon damals vor rund vier Jahren wurde eingefordert, dass die Kantone sich an den Kosten für die Sicherheitsinfrastruktur beteiligen sollten. Bis jetzt allerdings ohne Erfolg. Damals wollte die CICAD auch die operative Sicherheit der Gemeinden übernehmen. Diese lehnten ab.

Die CICAD finanziert sich durch Mitgliederbeiträge der Gemeinen sowie eine jährliche Zuwendung von 80 000 Franken des SIG. Der Rest ist Fundraising. Je nach Jahr beträgt das Budget zwischen 1,5 und 1,8 Millionen Franken. Neben Aufklärung und Prävention gerade auch in Ausbildungsprogrammen für Lehrer und Schüler ist die CICAD Anlaufstelle für die Öffentlichkeit und Medien und ist an der jährlichen Genfer Buchmesse präsent. In diesem Jahr hat CICAD darüber hinaus zum zweiten Mal das «Diner Citoyen» durchgeführt mit bundesrätlicher Präsenz. Bei der SIG-DV heute Abend in Lausanne hingegen fehlen Bundesratsvertreter.

Grosser Aktivismus

Sabine Simkhovitch-Dreyfus, im SIG zuständig für Antisemitismusbekäfmpung, sieht eine klare Grenzlinie der Zuständigkeiten: «Der SIG ist für alle politischen nationalen Belange zuständig.» Für Friktionen sorgt allerdings in den letzten Monaten, dass die CICAD zusehendes auch in Bundesbern präsent ist. Johanne Gurfinkiel verneint zwar: «Die CICAD hat lediglich Kontakte zu Bundesstellen in Bern bezüglich Antisemitismus oder Sicherheit, wenn es um die Belange der Romandie‑
Gemeinden geht. Dort bringen wir unser Know-how und die Expertise ein.» In Bern herrscht unter Beamten angesichts der Flut von jüdischen Organisationen die neben den Dachverbänden in Departementen vorstellig werden, mitunter Verunsicherung und Unmut über die unkoordinierte Summe an Begehren verschiedener jüdischer Organisationen.

Der Aktivismus der CICAD hingegen wird unter Vertretern von deutschschweizerischen Gemeinden als Versuch gewertet, die CICAD als neuen Dachverband in der Romandie zu positionieren. Alain Levy verneint klar: «Die CICAD kümmert sich um Antisemitismus in der französischen Schweiz. Sicherheitsbelange vertreten wir für die Gemeinden im Auftrag und das gehört zur Antisemitismus-Prävention.» Weiter sagt er: «Für alle sozialen, kulturellen, religiösen Bereiche ist der SIG national oder sind die Gemeinden lokal zuständig.»

Gemäss Sabine Simkhovitch-Dreyfus hat es in den letzten Monaten verschiedene Treffen zwischen SIG und CICAD zwecks Koordination gegeben. Viel ist dabei nicht herausgekommen, wie ein Vertreter aus der Romandie gegenüber tachles sagt. Daher ist nun erneut ein Treffen der Verbandsspitzen Anfang Juni anberaumt. Simkhovitch-Dreyfus ist zuversichtlich, dass beim kommenden Treffen die noch offenen Punkte geklärt werden.

Nebeneinander statt miteinander

Dass die Organisationen eher neben- anstatt miteinander arbeiten, wird beim Dauerbrenner des jährlichen Antisemitismusberichts offensichtlich. Seit Jahren schaffen es die Akteure Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, der SIG und die CICAD, nicht, einen Gesamtschweizer Bericht zu erstellen. Vielmehr gelangen sie mit unterschiedlichen Reports, unterschiedlichen Methoden, unterschiedlicher Machtart und unterschiedlichen Einschätzungen an die Schweizer Öffentlichkeit (tachles berichtete mehrfach). So auch im vergangenen März, als die Analysen der Berichte von SIG-GRA sowie CICAD divergierten. Gurfinkiel bestätigt: «Ja, unserseits gab es ein Projekt für einen Gesamtschweizer Antisemitismusbericht. Doch die unterschiedlichen Methoden und Zugänge zum Thema konnten nicht überwunden werden.» Womit es beim Kuriosum bleibt, dass verschiedene Organisationen mit verschiedenen Berichten aufwarten und die Eidgenössische Fachstelle für Rassismus unter Michele Galizia ebenso einen separaten Bericht publiziert. Zu diesem wiederum gab die CICAD indessen Gegenbericht.

Den deutschschweizerischen Kritikern allerdings nimmt CICAD-Präsident Levy zumindest Verbal den Wind aus den Segeln: «Die CICAD arbeitet nur für die Romandie. Wir haben keine Ambitionen für die gesamte Schweiz.» Er räumt allerdings ein, dass es durchaus Projekte gibt, da die CICAD um Bundesbehörden nicht umhin kommt. «Die Grenze ist nicht immer einfach zu finden.» Doch er sagt auch: «Die CICAD ist ein Plus und einen Alleinanspruch kann es nicht geben.»

Mitreden in Bern

Dem in den letzten Wochen um sich greifenden Gerücht, Levy hätte Ambitionen auf das SIG-Präsidium, begegnet er mit Lachen: «Da ist für mich ausgeschlossen.» Und er sagt unter Anspielung auf seinen inzwischen verstorbenen Schwager und längjährigen SIG-Präsidenten Rolf Bloch: «Unsere Familie hat sich im SIG bereits genügend engagiert.» Mit ernster Stimme wiederum meint er: «Wir befinden uns heute in einer Phase, in der wir keine Differenzen haben sollen. Am Schluss geht es um die Frage der Koordination für eine wirksame Arbeit.» Da allerdings bleiben deutschschweizerische Exponenten skeptisch. Denn die CICAD ist schnell, effizient und die Ausgangslagen sind unterschiedlich; oft treibe sie den SIG vor sich her und stelle ihn vor vollendete Tatsachen.

Daniel Frank, Präsident des Centralcomités (CC), kennt die Diskussion und meint: «Wenn wir innerhalb des CC vermitteln können, dann werden wir dies gerne tun.» Im Moment steht für ihn die angekündigte Präsentation des Strategiepapiers des SIG im Vordergrund. «Dort wollen wir uns aktiv einbringen.» Heute Mittwoch soll ein erster Entwurf mit dem CC diskutiert werden.

Die Delegierten der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) haben an der Vorbereitungssitzung letzter Woche allerdings mit Sorge darüber diskutiert, dass die CICAD mehr und mehr in die Deutsch- und nationale Schweiz vorpresche. ICZ-Präsidentin und CC-Mitglied Shella Kertész brachte das Thema vor. In der Diskussion sprachen sich die Delegierten dagegen aus, dass sich die CICAD eine Verbandsrolle anmasst und auch in Bern mitreden will. Nicht nur die ICZ-Delegierten sehen ein Druckmittel darin, dass unter anderem der jährliche Beitrag des SIG an die CICAD gestrichen würde, sollte diese nicht spuren. Allerdings ist davon auszugehen, dass diese leicht zu ersetzen sind für die CICAD. Für Sabine Simkhovitch-Dreyfus ist das allerdings kein Thema. «Wir bezahlen die vereinbarten 80 000 Franken weiterhin.» Letztlich werden die Gemeinden die Wahl zwischen SIG und CICAD treffen. Sie sind die Mitglieder im Gemeindebund und in der CICAD. Letzten Endes legitimieren sie die Arbeit der beiden und finanzieren diese auch.

 

 

Source: Tachles, 24 mai 2017

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